Balbina

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Balbinas Welt liegt versteckt, gleich hinter der Realität...

... doch wenn man etwas unscharf hinsieht, dann kann man sie erahnen: "Durch die Gardine fällt das Licht gerade so, ein in die Wohnung, dass auf der Tapete, Sterne tanzen", denn die Schatten des Vorhangs bilden geheime Zeichen an der Wand, die Heizungsrohre flüstern geheime Botschaften und das Pfeifen des Teekessels summt eine Melodie.

Die Dinge haben eine Seele und Balbina kann sie sehen.

Dabei waren die Umstände, in denen Balbina aufwuchs, sehr unkünstlerisch und recht unmusikalisch. Ihre Mama hatte gerade einmal eine Handvoll Kassetten, worunter sich auch eine befand, die Balbinas Aufmerksamkeit auf sich zog: "ABBA The Greatest Hits". Wenn man bei dem alten Mono Kassettenrecorder auf play drückte, dann lief genau das. Rauf und runter, unentwegt und bereits damals wusste Balbina, dass sie eines Tages ebenfalls Musik machen würde. Sie würde Lieder komponieren und Texte schreiben, genau wie diese zwei Männer, die da auf dem Cover der Kassette zu sehen waren. Sie würde Musik machen, dessen war sie sich ganz sicher, doch wem sollte sie davon erzählen? Ihrer Mutter? Sie traute sich nicht, denn wenn die Mama abends von der Arbeit kam, dachte Balbina, dass eine zwei in Geographie bestimmt viel wertvoller sei und ihre Mutter sicher glücklicher machen würde. Also erzählte sie von Geo und Mathe anstatt davon, dass sie wieder einmal den ganzen Nachmittag lang im Badezimmer an ein und derselben Gesangspassage geübt hatte. Oder sollte sie den Hort Erzieherinnen davon erzählen, dass sie Lieder schreiben und singen wollte? Die waren doch eh schon genervt von Balbinas Drang, dauernd Aufführungen inszenieren zu wollen und davon, dass das verträumte Mädchen mit der Brille ständig gegen Laternen lief. Wenn sie neue Songs geschrieben hatte für eine eigene Peter Pan Version, die Show durchorganisierte und ihre Mitschülerinnen für Rollen besetzte, dann hieß es: "Balbina, wir haben die Puppenecke und das reicht. Da kommt kein Podest rein. Wenn du Aufführungen machen willst, dann frag deine Mutter, ob du einen Kurs bei der Volkshochschule machen kannst. Hier geht das nicht." Doch an der Volkshochschule gab es nur Kurse für Erwachsene.

Unkonzentriert sei sie, abwesend und oftmals viel zu zappelig, attestierten ihr Grund- und Oberschullehrer, worauf sie sich zurückzog und einordnete. Was hätte sie auch anderes machen können? Nachmittags aber, wenn ihre Mutter bei der Arbeit war, schnappte sie sich die Whitney Houston Aufnahmen aus dem Radio und übte so lange, bis sie die Songs ungefähr so singen konnte, wie die Frau aus Amerika. Nachmittags ohne die anderen, las sie Märchenbücher, versetzte sich in Traumwelten, ließ Eis auf den Bäumen am Straßenrand wachsen und wanderte durch das magische Tor über den Regenbogen. Balbinas Welt war nicht von dieser Welt und ihr Erleben war so stark, dass mancher vielleicht denken konnte, sie würde nie wieder zurückkehren. Doch solange sie ihre Schulaufgaben ordentlich machte, war alles in Ordnung. Und die machte sie. Tagtäglich.

Als eines Tages im Deutschunterricht die Aufgabe gestellt wurde, ein alternatives Ende für den Roman Homo Faber zu erstellen, setzte sich Balbina hin und schrieb einen Aufsatz, als wäre es ihr letzter und tatsächlich bekam sie eine eins dafür. Doch nachdem die Lehrerin den Text vorgelesen hatte, lachte die ganze Klasse. Sie lachten sich kaputt über das, was sich Balbina da ausgedacht hatte und die Lehrerin erschrak über ihren eigenen Mut und korrigierte die Note nach unten. Sie habe erkannt, dass Balbinas Leistung doch nicht ganz so gut war, wie sie zunächst gedacht habe, erklärte sie dem bestürzten Mädchen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt schrieb Balbina ihre Lieder und Geschichten nur noch für sich in absoluter Isolation. Irgendwer würde sie schon irgendwann mögen. Daran glaubte sie, auch wenn sie selbst schon fast nicht mehr daran glauben konnte.

Mit achtzehn zog Balbina aus von zu Hause. Sie hatte einen Job, ein Studium begonnen und sich seit ihrer Pubertät intensiv mit deutscher Rap-Musik beschäftigt. Die Art, sehr lange Texte in sehr kurzen Musikstücken unterzubringen, beeindruckte sie, denn auch sie hatte viel zu sagen und immer Schwierigkeiten ihre Strophen in die passende Musik zu quetschen. Zusammen mit einer Freundin besuchte sie des Öfteren das Berliner Undergroundlabel Royalbunker und holte sich Kassetten von MOR, Justus, Fumanschu oder Prinz Pi. Sie lernte nach und nach viele Gesichter dieser Szene kennen, während sie selbst bereits Geld als Studiosängerin verdiente. Irgendwann kam dann eins zum anderen und sie begann mit dem Produzenten Biztram an ihrem Debut Album zu arbeiten. Balbina und Biztram waren auf einer Wellenlänge, mochten die gleiche Musik und schufen gemeinsam ihr erstes Album mit so großartigen Liedern wie "Zauberland", "Sigmund" oder auch "Heizung".

Balbinas Musik kommt aus dem Reich der Träume und fantastischen Geschichten. Wie ein fernes Echo aus längst vergangenen Tagen, kreisen ihre Geschichten um die Magie des Alltags und die Erlebniswelten von Kindern. Damals als man noch mit kleinen blauen Kristallkugeln sprechen konnte, und das Wünschen noch geholfen hat. Diese Welt wieder zu erwecken und die Menschen davon zu überzeugen, dass das Leben auf diese Weise erlebt, viel stärker und intensiver ist, das ist die große Mission von Balbina aus der Hochhaussiedlung in Berlin Rudow im Bezirk Neukölln. Ausbrechen aus dem fertig konstruierten Egotunnel des eigenen Gehirns.

Musikalisch reif und erwachsen, dunkel, hypnotisch, organisch und warm holt Balbina die Magie zurück in die Realität. Eine Magie, die man nicht mit dem Smartphone einfangen kann, die man nicht auf Fotos bannen und im Internet verbreiten kann. Eine Magie, von der man eben nur erzählen und die man in wunderbare kleine Geschichten und Lieder packen kann. Kleine Miniaturen, wie Schneekugeln, in denen die Welt sich spiegelt und doch nicht spiegelt. "Ich hüpf vom Lügengerüst ins Märchenschloss und drück mich dort vor jedem Stück Wahrheit, wie ein Kind vorm Vollkornbrot zum Frühstück – bitte nicht noch ein Stück."

Marcus Staiger // Berlin, März 2014

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